3-Minuten-Mit: Ramazan Demir. "Wird mir Gott vergeben ?"

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Ramazan Demir ist Imam, Religionslehrer und Gefängnisseelsorger.

Er ist ursprünglich Pfälzer, aus Ludwigshafen am Rhein und seit zehn Jahren Wiener. Bekannt ist er durch seine ehrenamtliche Tätigkeit als Gefängnisseelsorger im größten Gefängnis Österreichs, die Justizanstalt Josefstadt.  Nun ist er der neue Leiter der Islamischen Gefängnisseelsorge in Österreich und hauptberuflich in der Kirchlich Pädagogischen Hochschule (KPH)  für die Fortbildung der islamischen Religionslehrer_innen zuständig.

Ich durfte ihn einen Tag lang bei seiner Arbeit begleiten, sowohl im Gefängnis, als auch in der Schule, wo er als Religionslehrer mit muslimischen Jugendlichen arbeitet.

Für mich war das schon ein sehr aufregender Tag. Es war mein erster Besuch einer Justizanstalt. Die Möglichkeit danach, eine Klasse von Ramazan Demir kennenzulernen, war dann der chilligere Teil des Tages.

Ramazans Arbeit wird in der Justizanstalt Josefstadt sehr geschätzt und Respektiert.

Ramazans Arbeit wird in der Justizanstalt Josefstadt sehr geschätzt und Respektiert.

Vielleicht schilderst du uns deine Tätigkeiten mal genauer. Du wanderst wirklich tagein tagaus in die Justizanstalt und betreust dort Gefangene? Unter anderem auch radikalisierte Menschen und Kriminelle.

Damals, als ich das Angebot bekam junge muslimische Inhaftierte zu betreuen, brauchte ich nicht lange nachdenken, meine Antwort war klar: „Nein, ich und Gefängnis? Nein!“. Das kam für mich gar nicht infrage.

Eine kurze Zeit später fand ich mich schließlich doch im Gefängnis. Nun sind jedoch schon so einige Jahre vergangen, seitdem ich die Häftlinge regelmäßig besuche und ihnen versuche, ethische Werte und religiöses Wissen zu vermitteln.

Viele Gefangene benötigen seelischen Beistand, Trost und Hoffnung. Gleichzeitig haben sie ein verstärktes Bedürfnis nach Spiritualität, da die Bedeutung von Religion in Haft zunimmt. Sie brauchen einen Halt, Orientierung und Motivation in der schwierigen Zeit in ihren Zellen, wo sie über den Sinn des Lebens nachdenken und mich letztendlich fragen: „Wird Gott mir verzeihen?“.

Für mich ist es wichtig die mehrheitlich friedlichen Muslime vor der Radikalität zu schützen und die wenigen Radikalen versuchen zu entradikaliseren, was keine leichte Aufgabe ist, aber machbar ist es natürlich. Man darf einfach nie die Hoffnung verlieren.

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Wie ist das so? Wie fühlt man sich da? Und wie schaffst du es einfach dann am Nachmittag in die Schule zu gehen uns ganz einfach weiter zu unterrichten.

Natürlich ist es keine einfache Sache – wichtig ist, dass man lernt abzuschalten, wenn man die Tore des Gefängnisses hinter sich gelassen hat. 

DER INNENHOF. DER Einzige ORt Wo sich die gefangenen im Freien aufhalten können. Und das Auch nur für bestimmte und begrenzte Zeit.

DER INNENHOF. DER Einzige ORt Wo sich die gefangenen im Freien aufhalten können. Und das Auch nur für bestimmte und begrenzte Zeit.

Was war das Schlimmste was du in der Justizanstalt erlebt hast? Und was war das Ereignis das dich richtig stolz gemacht hat? 

Eines Tages bekam ich während der Pausenzeit in der Schule einen Anruf aus dem Gefängnis mit der Nachricht, dass sich ein junger muslimischer Häftling das Leben in seiner Zelle genommen hat. In dem Moment ist man zutiefst erschüttert und unglaublich traurig. Das Erste, woran ich dachte: „Hätte ich das verhindern können?“ Doch mir war klar, dass ich als ehrenamtlicher Gefängnisseelsorger in einem Gefängnis, worin über 300 Muslime inhaftiert sind, aufgrund der zeitlichen Ressourcen nur begrenzt Hilfestellung leisten kann, da ich leider -wie meine anderen muslimischen Gefängnisseelsorgerkollegen- nur wenige Stunden im Gefängnis sein kann. Dennoch ist so ein Ereignis eines der schlimmsten Dinge, die ein Seelsorger erfahren kann.

Was mich erfreut und mich dazu bewegt weiter zu machen ist, dass ich sehe, dass unsere Seelsorgearbeit Früchte trägt. Besonders glücklich macht mich z.B. wenn man einem, mit radikalem Gedankengut infizierten jungen Menschen, die Augen öffnet und ihn dadurch hindert, nach Syrien in den Krieg zu fahren. Auch erfreut es mich, wenn ich immer wieder draußen entlassene Häftlinge sehe, die auf mich zukommen, mich umarmen und sich bei mir herzlichst dafür bedanken, dass ich sie in dieser Notsituation, in der sie Halt und Motivation benötigten, nicht alleine gelassen habe.  Dies erinnert mich immer wieder an die Wichtigkeit und Notwendigkeit meiner Arbeit.

Freitagspredigt in der Moschee der Justizanstalt. Der Raum wurde von Häftlingen selbst gestaltet.

Freitagspredigt in der Moschee der Justizanstalt. Der Raum wurde von Häftlingen selbst gestaltet.

Du bist ja auch Imam und bemühst dich sehr um den interreliglösen Dialog. Ganz spezifisch um den jüdisch-muslimischen Dialog. Was schätzt du besonders am Dialog der Religionen und was denkst du sollte hier noch umbedingt nachgeholt werden?

Für den Muslim ist es eine religiöse Pflicht mit der Umgebung im positiven Kontakt zu stehen. Über die Bedeutung der Nachbarschaft im Islam brauche ich hier theologisch nicht sprechen. Wichtig ist hierbei zu unterstreichen, dass nicht die Religionen einen Dialog führen, sondern die Angehörigen/Anhänger unterschiedlicher Religionen. Interreligiöser Dialog heißt einander kennenlernen und dadurch mehr Offenheit und Respekt zu schaffen, Angst und Feindseligkeiten die Türen zu schließen.

Je mehr die österreichische Bevölkerung sich dem interreligiösen Dialog widmet, desto weniger werden wir im Lande Probleme haben und hier sehe ich leider sehr viele Baustellen auf allen Seiten.

Zurück zur Schule. Du bist ja Religionslehrer, und wie mir deine Schüler erzählt haben, auch ein sehr beliebter Lehrer. Was gibst du muslimischen Jugendlichen, und speziell Schülerinnen, auf ihren Weg mit als Tipp als jemanden der sich sehr um ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft bemüht?

Nachmittags war dann der chilligere Teil des Tages. ich war im Religionsunterricht mit Ramazan. 

Nachmittags war dann der chilligere Teil des Tages. ich war im Religionsunterricht mit Ramazan. 

Mir ist es wichtig, in meiner Schule, Integrations- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich versuche meinen Schülern soziale Aspekte des Islam beizubringen, indem ich sie dazu anleite, nützlich für die Gesellschaft zu sein. Denn der Prophet Muhammad sagt: „Der Beste unter euch ist derjenige, der der Gesellschaft am nützlichsten ist.“ Der erste Schritt dafür ist der schulische Erfolg und der Abschluss ihrer Matura. Wir leben in einer Welt, in der der Fluss an Informationen schneller strömt als die Zeit. Umso wichtiger ist es, nicht jede Information blind aufzunehmen, ohne sie kritisch zu überprüfen. Hier lege ich besonderen Wert darauf, das analytische Denken meiner Schüler zu stärken. Ich möchte, dass sie verschiedene Meinungen zu einem Thema kennenlernen und unterschiedliche Wahrnehmungen und Anschauungen respektieren. Das gilt sowohl für Religionen als auch andere Weltanschauungen. Um dies zu erreichen, müssen Vorurteile abgebaut und Missverständnisse beseitigt werden.

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