3-Minuten-Mit: Amani Abuzahra.

 

Sie studierte Medizin, Philosophie und Intercultural Studies an der Universität Wien und Salzburg. Inzwischen ist sie Referentin in der Erwachsenenbildung und Lehrende der Interkulturellen Pädagogik und Philosophie und eines der bekanntesten Gesichter, wenn es um Islam in Österreich geht.

Sie gilt sie als ein erfolgreiches Beispiel, was Frauen alles schaffen können und dementsprechend nehmen sie viele junge Musliminnen als Vorbild.

 

Wenn es um das Thema Integration von Muslim_innen in Österreich geht, wird oft diskutiert ob der Islam mit der österreichischen Kultur vereinbar wäre bzw. Muslim_innen eine anderen kulturellen Hintergrund hätten, der ihre Integration erschwert. Was sagst du dazu?

Ganz ehrlich? Dass ich schon lange nicht mehr diese Diskussion nachvollziehen kann. Was wird denn unter Integration verstanden? Manche verwechseln es gar mit Assimilation. Wir reiten auf diesem Thema – Integration – inzwischen seit Jahrzehnten herum, als wäre es ein unlösbares Problem und wir müssten nach wie vor nach Rezepten suchen. Worum geht’s eigentlich? Gegenpole werden konstruiert – auf der einen Seite sei die österreichische Kultur – auf der anderen Seite MuslimInnen, der Islam. Die Lebensrealität zeigt uns, dass es gelebtes Miteinander invielen Formen gibt. Wir hinken hinterher, wenn wir noch immer über Integration sprechen. Es geht schon lange um Teilhabe und Gleichberechtigung. Das Ziel muss sein einen gleichberechtigten Zugang zu den Ressourcen, zum Arbeitsmarkt und zur Bildung für alle zu schaffen. Die Debatten, ob MuslimInnen hierher passen oder nicht, sind Scheindebatten – Stichwort Kopftuch/Burkini/Burka und damit einhergehende Verbote.

Einen anderen Aspekt möchte ich aber noch erwähnen zu deiner Frage: Kulturen sind fließend. Kulturen sind Bezugssysteme und der Mensch eignet sich verschiedene kulturelle Elemente an, genauso wie religiöse beispielsweise. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass es nicht „die Vertreterin“ einer Kultur oder „den Vertreter“ einer Religion geben kann.

Und blicken wir in die Geschichte Österreichs beispielsweise, merkt man doch relativ schnell wie stark die gegenseitige Beeinflussung war und wie Menschen und Kulturen sich gewandelt haben.

Nehmen wir die Wiener Kaffeehauskultur: ohne dem Kaffee wäre diese nicht möglich. Der Kaffee kam mit den Osmanen. Der Rest ist Geschichte. 

Der Islam hat in Europa eine über 1000-jährige Geschichte. Stichwort: Andalusien, Tataren im Baltikum….

Eine intrakulturelle Perspektive – nämlich der Blick nach innen-  täte uns gut um die europäische Geschichte neu zu betrachten. Dann würden sich viele Anknüpfungspunkte eröffnen, daraus können neue Narrative entstehen, die wiederum identitätsstiftend wirken können. Und vor allem die vermeintlichen Gegenpole ‚Islam‘ und ‚Europa‘ dekonstruierten!

Mit Amani unterwegs in Wien Döbling, Zacherlfabrik Wien.

Mit Amani unterwegs in Wien Döbling, Zacherlfabrik Wien.

In deinem Buch "Kulturelle Identität in einer multikulturellen Gesellschaft" sprichst du von hybrider Identität. Kannst du das näher ausführen?

Zunächst einmal halte ich es für sinnvoll die Betrachtungsweise auf das Thema Identität zu ändern. Identität ist kontextabhängig, dynamisch und artikuliert sich je nach Situation immer wieder neu. Es ist unsere Perspektive auf den Menschen, der ihn einschränkt und manchmal auch der Mensch selbst, in dem er seine kulturelle Vielfalt nicht wahrnimmt. Die Kategorisierung in „entweder-oder“ ist sehr dominant in der Beschreibung der Anderen. Die Realität entspricht doch viel mehr einem „sowohl-als-auch“, einer Vermischung – einer hybriden Identität.

In der Verortung von Identität ist somit grenzüberschreitendes Denken gefragt. Es bedarf der Einsicht, dass kulturelle Identität nicht konstant und feststehend, sondern vielmehr abhängig von sich verändernden Referenzpunkten ist; sie ist hybrid und artikuliert sich im steten Machtkampf.

Im Umgang mit dem sich Verändernden und der Vielfalt hilft uns die Ambiguitätstoleranz. Das bedeutet, Widersprüche aushalten zu können, und im Endeffekt sich selbst auszuhalten.

Mit Peter Bieri gesprochen, braucht es in diesem Sinne eine Kultur der Stille. Ein Sich selbst finden, die eigene Stimme finden und beim genauen hinhören wird einem auch bewusst wie vielfältig wir sein können. Diese Vielfalt ist im Endeffekt eine Bereicherung für unsere Gesellschaft.

Am Naschmarkt gibt es genug Teesorten aus der ganzen Welt, genug Auswahl für Amani - eine leidenschaftliche Teetrinkerin.

Am Naschmarkt gibt es genug Teesorten aus der ganzen Welt, genug Auswahl für Amani - eine leidenschaftliche Teetrinkerin.

Du bist ein Vorbild für viele junge muslimische Frauen. Ganz speziell in Zeiten wie diesen, wo die Diskriminierung von Musliminnen sich vermehrt und ein Kopftuchverbot wieder diskutiert wird. Was sagst du muslimischen Mädchen und Frauen, die das Gefühl haben nicht akzeptiert zu sein und nicht mehr weiterkönnen?

Es sind in der Tat herausfordernde Zeiten, in denen wir leben. Die Zunahme von Antisemitismus, Islamophobie, Rassismus ist ein ernstzunehmendes Problem. Und wenn von politischer Seite Kleidungspraxis der muslimischen Frau zu einem Diskussionsthema wird, dann ist dies eine zusätzliche Erschwernis. Denn dieser Diskurs empowert muslimische Frauen nicht, sondern entmündigt vielmehr. Muslimische Frauen brauchen keine Fürsprecher, die ihre selbstbestimmte Lebenspraxis als Zwang deuten. 

Mein Rat ist: innehalten. Innehalten um darüber nachzudenken, wer bin ich und wer will ich sein? Was sind Momente und Personen, die mich fördern oder mich hindern?

Es giltsich loszusagen von der Fremdbestimmung und den Klischees. Es ist an der Zeit die eigene Schmiedin des Glücks zu werden und aus dem Vollen zu schöpfen. Hier erachte ich es als wichtig sich zu solidarisieren und gegenseitig zu unterstützen um voran zu kommen, um das Potential zu entfalten. Und der Antwort auf „Wer will ich sein?“ näher zu kommen.

 

Buchempfehlungen:

Abuzahra, Amani (2012): Kulturelle Identität in einer multikulturellen Gesellschaft. Wien: Passagen Verlag.

Bieri, Peter (2011): Wie wollen wir leben? St.Pölten-Salzburg: Residenz Verlag.

Caravias, Claudius (2008): Die Moschee an der Wien. 300 Jahre islamischer Einfluss in der Wiener Architektur. Luna Verlag.

Shakir/ Stanfel/ Weinberger (2012): Ostarrichislam: Fragmente achthundertjähriger gemeinsamer Geschichte. Wien: Alhamra & New Academic Press.