3-Minuten-mit: Farid Hafez. Vom Skater zum Uni-Professor

Fotocredit: Asma Aiad

Farid Hafez. Oder besser. MAG. DR. FARID HAFEZ, M.SC. 
Seit 15 Jahren ist er nicht mehr auf dem Skateboard gestanden. Für mich hat er es gewagt: Der ehemaliger Skater, jetzige Politikwissenschaftler, der mit seiner Kritik an Islamfeindlichkeit früh Ehrungen erhielt und international zum gefragten Experten wurde. Nächstes Semester lehrt er an der University of California, Berkeley als Fulbright-Professor.Bekannt ist er für seine zahlreichen Veröffentlichungen: Seit 2010 gibt er das Jahrbuch für Islamophobieforschung heraus, seit 2015 den Europäischen Islamophobiebericht.

Fotocredit: Asma Aiad

Fotocredit: Asma Aiad

Fotocredit: Asma Aiad

Fotocredit: Asma Aiad

Viele muslimische Jugendliche da draußen denken sich, für uns als Muslim_innen schaut es bezüglich Karriere nicht rosig aus. Es fehlt Ihnen an Vorbildern. Farid Hafez ist sicher eines davon. Er widmete der Jugend seine neu erschienenen Biographie über Malcolm X.

Dein neu erschienenes Buch „Malcolm X – Das Lebens eines Revolutionärs“ (2015) handelt von Malcolm Little, einen rebellischen, kriminellen jungen Mann und seiner Transformation zu El Hajj Malik Shabaaz, einer der großartigsten Persönlichkeiten der US Geschichte und des Black Movements. Warum denkst du sollte jeder muslimische Jugendliche in Österreich dieses Buch lesen?

 Ob jede und jeder das lesen soll, weiß ich nicht. Aber ich meine, es zahlt sich aus, etwas darüber zu erfahren. Hier haben wir das Leben eines Menschen, der unter härtesten rassistischen Umständen etwas aus sich gemacht hat. Zwar kann der Rassismus der 1950er Jahre in den USA nicht mit jenem in Europa von heute gleichgesetzt werden, aber es gibt bestimmte Erfahrungen im Leben junger Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund, die den Erfahrungen eines Malcolm X ähneln. Malcolm X ist keine Geschichte eines Opfers, sondern eine Geschichte des Empowerments, der Kraft, der Energie, der Veränderung. Sein Leben hat in den 1990er Jahren viele Menschen beeinflusst. Deswegen: warum nicht nochmal präsentieren.

 

Islamophobieforschung in Österreich und Farid Hafez sind heute nicht voneinander zu trennen. Du bist hier der Experte. Wie kommt es dazu?

Um ehrlich zu sein, würde ich mich eigentlich viel lieber mit anderen Dingen auseinandersetzen. Mit positiven. Aber die Zeit scheint es mir nicht zu erlauben, hier wegzuschauen. Deswegen habe ich versucht, hier einen Beitrag zu leisten. Meine Hoffnung ist, dass bessere Zeiten kommen werden, wo ich mich anderen Dingen widmen darf. Bis dahin gilt: Nicht nur die Islamfeindlichkeit in unseren Gesellschaften zu kritisieren, sondern auch den Umgang von Musliminnen und Muslimen mit der Islamfeindlichkeit kritisch zu thematisieren. An diesem Punkt kommt auch Malcolm X wieder ins Spiel: Es geht letztendlich darum, welches Selbstwertgefühl junge Menschen entwickeln und wie sie sich ihres Lebens selbst bemächtigen und sich nicht zu Objekten der Geschichte, sondern zu Subjekten der Geschichte machen.

Islamfeindlichkeit steigt. Durch Facebook und andere soziale Netzwerke bekommt mensch das viel stärker mit. Auch muslimische Jugendliche. Ganz besonders auch Musliminnen. Das beängstigt. Mensch neigt viel mehr zu Hoffnungslosigkeit überhaupt akzeptiert oder angenommen zu werden in der Gesellschaft. Was sagst du diesen Jugendlichen um sie doch zu stärken ?

Ich glaube es gibt heute eine generelle Herausforderung, von den USA über Europa bis in die Türkei: Menschen haben verlernt, miteinander ins Gespräch zu kommen, einander aufrichtig zuzuhören, die Gefühle und Meinungen von anderen nachzuvollziehen und sich in andere hineinzuversetzen. Was wir heute haben, und das zeigt sich am Wahlkampf in den USA wie auch zuletzt bei unserem Präsidentschaftswahlkampf und ebenso auch in der heutigen Türkei: Eine gespaltene Gesellschaft. Zwei Positionen, zwei verfeindete Lager. Kein Gespräch. Es gilt, hier einen Beitrag zu leisten. Denn wenn diese Verhärtung weitergeht, befürchte ich, dass unsere demokratischen Ordnungen mit einem Ablaufdatum versehen sind. Und ich meine: Das ist nicht die Welt, die wir uns vorstellen wollen.

Auf dem Weg dorthin brauchen wir Menschen, die an sich glauben, die viel leisten. Und wir wissen, dass jemand mit nicht-weißer Hautfarbe oder eine Frau mit Haarbedeckung es schwieriger hat, angenommen zu werden. Ich weiß aber auch, dass es genügend Menschen gibt, die genau diesen Menschen eine Chance geben wollen. Das ist der Einsatz, der geleistet werden muss.


Farid Hafez ist promovierter Politikwissenschaftler (Universität Wien) und forscht an der Abteilung Politikwissenschaft der Universität Salzburg. Derzeit ist er Fulbright Professor an der University of California, Berkeley. Im Frühjahr 2014 war er Visiting Scholar an der Columbia University in New York City. Hafez hat in den USA, der Türkei und Indonesien gelehrt und geforscht. Seit 2010 ist er Herausgeber des Jahrbuchs für Islamophobieforschung, seit 2015 Mitherausgeber des European Islamophobia Report, der derzeit mehr als 30 Länder umfasst.

2009 erhielt er gemeinsam mit John Bunzl für ihr Buch „Islamophobie in Österreich“ den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das politische Buch des Jahres. Zuletzt erschien: „Jung. Muslimisch. Österreichisch“ (New Academic Press, 2016). Hafez hat zahlreiche Veröffentlichungen in führenden internationalen Journalen und ist oft gefragter Interviewpartner in internationalen Medien.

Weitere Publikationen

Monographien
Islamophober Populismus. Moschee- und Minarettbauverbotsdebatten österreichischer Parlamentsparteien,Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2010.

Anas Schakfeh: Das österreichische Gesicht des Islams, Wien: Braumüller Verlag, 2012

Islamisch-politische Denker. Eine Einführung in die islamisch-politische Ideengeschichte, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang Verlag, erscheint 2014.

Herausgeberschaften
Laufend seit 2010: Herausgeber des Jahrbuchs für Islamophobieforschung, Wien: New Academic Press (zuvor Studienverlag)

Hafez, Farid/Shakir, Amena (2012). Religionsunterricht und säkularer Staat, Berlin: Frank & Timme Verlag.

Ansari, Humayun/Hafez, Farid (2012). From the Far Right to the Mainstream Islamophbia, Party Politics and the Media, Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Bunzl, John/Hafez, Farid (2009). Islamophobie in Österreich, Bozen/Innsbruck/Wien: Studienverlag.