20 Jahre MJÖ. Ich feiere meine Geschichte.

Fotocredit: Salma Stephanie Abidi

Fotocredit: Salma Stephanie Abidi

Die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) ist 20 Jahre alt geworden und hat Geburtstag gefeiert.

 

Indem die MJÖ ihre Geschichte feiert, feiert sie die Geschichte von tausenden von muslimischen Jugendlichen in Österreich.

Darunter auch meine, die Geschichte von Asma.

Das, was die MJÖ in den letzten zwei Jahrzehnten bei vielen muslimischen Jugendlichen geschafft und bewirkt hat, habe ich selber in meiner eigenen Jugend erlebt und beobachtet.

Als ich auf die MJÖ gestoßen bin - und es war tatsächlich ein „stoßen“ - war ich ein rebellischer Teenie, den die Frage beschäftigte, wie ich meine unterschiedlichen Identitäten - mein Ich-Sein, das Asma-Sein - bewerkstelligen könnte:

Ich wollte vieles sein und das beschäftigte mich sehr:

Asma. In Wien geboren, Eltern mit ägyptischen Wurzeln, muslimisch, Geschlechterrollen hinterfragend, maghrebinische Musik liebend, künstlerisch,  philosophierte sehr gerne, liebte das Reisen und bunte farben, ...

Für mich war es sehr schwer, sich hier für eine Sache zu entscheiden. Wer bin ich? Was möchte ich sein?

Und zu viele drängten mich dazu, mich für etwas zu entscheiden.

In der Nachbarschaft, war ich die exotische Ägypterin mit der schönen Hautfarbe.

In Ägypten war ich ihnen nicht ägyptisch genug, denn ich verhielt mich viel zu europäisch.

In der Schule musste ich die Islam-Expertin sein und auf alle Islam-Fragen eine Antwort haben.

Meine Eltern verstanden nicht, woher meine unendlich große Liebe zu meiner afrikanisch- indischen Zugehörigkeit kam, zu der sie keine Verbindung sahen (PS: Ägypter sehen sich nicht als Afrikaner, aber darüber sollte ich einen eigenen Beitrag schreiben).

Ich war kreativ, aber mir fehlte der Zugang zur Kunst und ich wusste nicht, wo oder wie ich Zugang erlangen könnte. Ich war eben ein Ausländerkind, da gehst du in deiner Freizeit nicht ins Museum oder lernst Kunsteinrichtungen kennen.

Solche Baustellen gab es viele in meinem Leben, aber am meisten beschäftigte mich:

Was kann ich tun, wenn ich all das gleichzeitig sein mag? Wie kann ich das alles vereinbaren: Wenn ich Wienerin sein mag, aber auch Ägypterin?

Wenn ich braun bin, aber auch "so gut Deutsch" spreche? Wenn ich Muslimin bin, aber auch Österreicherin?

 

Und in all dieser Verwirrung fand ich die MJÖ: Ein Flyer flatterte in mein Leben, eine Einladung zu einem Wintercamp.

Dort traf ich Jugendliche, denen es so ging wie mir. Dort traf ich Jugendliche, die das alles bereits durchgemacht hatten, mich verstanden. Ich hatte Raum über mich und meine Gedanken zu sprechen, ich wurde ernst genommen, ich wurde geschätzt – vor allem und ganz besonders auch als junge Frau war ich willkommen und durfte Platz für mich beanspruchen.

Und in den Diskussionen, im Austausch mit anderen Jugendlichen, habe ich mich gefunden. Gefunden in einer Zeit, in der mich mein eigenes Sein am meisten beschäftigt hat.

Plötzlich fielen die Grenzen, die mir andere vorgezeichnet hatten: Ich muss mich nicht entlang der Erwartungen anderer definieren. Ich konnte die mir aufgezwungene Frage einfach ablehnen.

Denn: Ich kann alles sein! Alles, was ich will. Und damals war es vor allem:

Österreicherin UND Muslimin.

Und somit begann mein Weg in und mit der MJÖ, ein Weg, auf dem ich auch vielen weiteren muslimischen Jugendlichen, meiner ganzen Generation - der sogenannten 2. Generation - mitgeben wollte: Du musst dich nicht für eine Identität entscheiden, du kannst alles sein, was du willst.

Und ja, ich sehe mich als Österreicherin und als Muslimin.

Und mit der MJÖ begann mein Anschluss an die Gesellschaft, die MJÖ gab mir den Zugang, den ich nicht fand, den ich nicht alleine finden konnte, um ein aktives und selbstbestimmtes Mitglied meiner österreichischen Gesellschaft zu sein.

Als Kind mit - wie man das so schön nennt – „Migrationshintergrund“ hat man es in dieser Gesellschaft nicht immer so einfach. Oft hat man es nicht nur nicht einfach, sondern man - und ganz besonders „frau“ - hat es schwer, extrem schwer.

Auf diesem Weg, auf dem wir oft mit Gefühlen von Frustration, Hoffnungslosigkeit, Ungleichbehandlung, Ausweg- und Kraftlosigkeit heimgesucht werden, ist und war mir die MJÖ und die Arbeit der MJÖ immer eine wichtige Wegbegleiterin und half mir Barrieren zu überwinden.

Ich kann mich noch erinnern an Zeiten, wo ich aufgrund meiner Herkunft und meiner Religion an meiner Schule diskriminiert wurde und durch die Beratung und den Beistand in der MJÖ meinen Weg zu mehr Gerechtigkeit gefunden habe.

 

Ich kann mich erinnern, als ich auf einem der Wintercamps der MJÖ in einem Workshop das erste Mal eine Spiegelreflexkamera in die Hand bekommen habe und mir die Möglichkeit gegeben wurde die Skills zu erlernen, die mich heute zu einer leidenschaftlichen Fotografin machen.

Ich kann mich an meine erste Reise mit der MJÖ erinnern. Das war meine erste Reise ohne meinen Eltern und meine erste Auslandsreise, dich mich nicht wie gewohnt nach Ägypten führte. Das Reisen ist mir durch die MJÖ zu einer Leidenschaft geworden und aus den vielen darauffolgenden Reisen entstanden mein Reiseblog "Asmaah bint Battuta“ und meine Fotoserien.

Auch kann ich mich an meine Teilnahme am "Projekt Fatima" erinnern, die Vorträge und Workshops, die mich zum Reflektieren von Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft gebracht haben und mich heute zu einer muslimischen Feministin machen.

 

Ich erinnere mich an noch so vieles mehr ... und könnte erzählen und erzählen und erzählen..

Und all das macht mich so stolz auf die MJÖ und stolz auf das, was ich durch die MJÖ lernen durfte.

Deshalb feiere ich 20 Jahre MJÖ Geschichte. Aber auch meine Geschichte mit der MJÖ.

Ich feiere auch noch viele weitere Jahre der MJÖ und die Geschichten der Jugendlichen. Dass die MJÖ jungen Menschen vertraut, ihnen viel zutraut, das macht sie aus und ich wünsche mir, dass sie noch vielen anderen Jugendlichen das geben wird, was sie mir gegeben hat: den Glauben an mich selbst und meine Fähigkeiten.

Deshalb, liebe Muslimische Jugend Österreich, ich wünsche uns alles Gute zum Geburtstag und wünsche mir, dass ihr noch ganz lange besteht und weiterhin so eine großartige Arbeit macht. Eine Arbeit, die sehr wertvoll ist und einen großen Mehrwert für die Gesellschaft hat.

www.mjoe20.at

www.mjoe20.at