Dudu Kücükgöl: Islam und Feminismus sind kein Widerspruch

Transient

08.03.2011 | 19:13 | Nermin Ismail

Muslimische Frauen werden in der Öffentlichkeit vor allem als Opfer betrachtet. Viele von ihnen wehren sich gegen dieses Bild – sie sehen sich als Feministinnen in der Tradition des Propheten Mohammed.

Wien. Feminismus zielt auf die Gleichstellung von Frau und Mann ab. Er beinhaltet „Handlungen und Haltungen, die die Unterdrückung, Benachteiligung, den Ausschluss und die Marginalisierung von Frauen zu überwinden versuchen“, wie Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer sagt. Weiters versuchen Feministinnen, Ungleichheit aufgrund von sozialer Position, Ethnizität, Religion oder sexueller Orientierung aufzuheben. All das sind Anliegen, die auch muslimische Frauen vertreten – und sie erheben diese Forderungen zum Teil auch lautstark.

Im islamischen Feminismus gehe es darum, „die Frau aus ihrer nachgeordneten Rolle im privaten, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und öffentlichen Raum zu befreien“, meint Dudu Kücükgöl. Aber auch darum, der Frau zu ermöglichen, in allen Bereichen einen gleichberechtigten Platz neben dem Mann einzunehmen. Kücükgöl bezeichnet sich selbst als islamische Feministin. Die Projektmanagerin, die seit Jahren in der Frauen- und Jugendarbeit aktiv ist, etwa bei der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ), sieht im islamischen Feminismus eine einzigartige Besonderheit. Denn dieser vereinbart in seinen Inhalten islamische und feministische Ansätze.

Feminismus im Koran

„Er begründet seine Emanzipationsbestrebungen mit islamischen Argumenten und verwendet anerkannte islamische Quellen“, sagt Kücükgöl. Dies verleihe dem islamischen Feminismus Stärke in der theologischen Diskussion und ermögliche eine breite Anerkennung. Kücükgöl spricht Stellen im Koran an wie: „Seht, ich lasse kein Werk der Wirkenden unter euch verloren gehen, sei es von Mann oder Frau; die einen von euch sind von den anderen.“ Auf solche und andere Verse berufen sich islamische Feministinnen. Sie gehen davon aus, dass ihre Rechte schon vor 1500 Jahren, in der Zeit des Propheten Mohammed, erkämpft wurden. In der heutigen Realität sind sie jedoch nicht selbstverständlich. Heute gelte es also, sich dafür erneut einzusetzen, beziehungsweise die Rolle der Frau zeitgemäß zu definieren. „Ich bin Europäerin, Feministin und Muslimin“, meint Kücükgöl.

Der Islam, so glaubt die 27-Jährige, könne einen wichtigen Beitrag zur feministischen Debatte liefern. Immerhin habe man mit der Forderung nach Selbstverwirklichung und einem selbstbestimmten Leben für Frauen, nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit, politischen und gesellschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten viel mit all den anderen Feministinnen gemein. Und bei so vielen gemeinsamen Forderungen sei es naheliegend, sich zusammenzuschließen, um die gemeinsamen Ziele schneller zu erreichen.

„Neue solidarische, feministische Strategien“ sind nach Politologin Sauer dafür nötig. In der Öffentlichkeit jedoch werden muslimische Frauen, die oftmals ein Kopftuch tragen, als arm und unterdrückt dargestellt. Dies sei „verheerend und eigentlich zutiefst frauenverachtend“, ist die Journalistin und Autorin Sibylle Hamann überzeugt. Die Geisteshaltung, „die arme muslimische Frau zu befreien“, nimmt sie vor allem unter populistischen Politikern wahr, „die versuchen, mit ein bisschen feministischer Rhetorik ihre fremdenfeindliche Politik zu verkaufen“.

„Lächerliche Kopftuchdebatte“

Auch Politikwissenschaftlerin Sauer kennt diesen feministischen Diskurs. Obwohl das Kopftuch immer wieder ins Zentrum der Debatte gestellt wird und eine breite Projektionsfläche bietet, spielt es im Diskurs des islamischen Feminismus keine bedeutende Rolle. „Die Abgrenzung von den anderen, denen es ja schlechter gehe, ist eine Strategie, das ,Wir‘ diskursiv herzustellen“, meint sie.

Kücükgöl, die selbst Kopftuch trägt, findet die Koptuchdebatte „lächerlich und verfehlt“. Ihre Forderung: „Lasst uns bitte über wirtschaftliche Unabhängigkeit, Bildung, Chancen und Selbstverwirklichung sprechen.“

Auch in arabisch-islamischen Ländern scheint die Lage der Frau in vielen gesellschaftlichen Bereichen auf den ersten Blick nach wie vor unverändert. Allerdings gibt es auch hier einige Bewegung. Zahlreiche Organisationen von Frauen wenden sich gegen vorherrschende patriarchale Strukturen, die nicht auf islamischen Prinzipien beruhen, mit dem Ziel, diese zu durchbrechen. Auch bei den Revolutionen in Ägypten marschierten Frauen zum Teil an vorderster Front mit.

Viele Erfahrungshintergründe

Auf die Frage, ob auch diese Art von Feminismus einen Beitrag in Österreich leisten kann, sagt Hamann: „Österreich braucht islamische Feministinnen dringend, denn je mehr verschiedene Erfahrungshintergründe einfließen, desto besser.“

Viele setzen hier Hoffnungen auf die junge Generation der österreichischen Musliminnen. Sie sind nicht nur jung, sondern auch emanzipiert, und haben sowohl westliche als auch islamisch-feministische Werte verinnerlicht. Mit Projekten wie der Qualifikationsoffensive „Fatima“ setzen sich etwa die „Jungen Musliminnen Österreich“ (JMÖ) nicht nur für die Förderung muslimischer Mädchen und Frauen ein, sondern zeigen der Öffentlichkeit auch, dass es längst Zeit ist, sich von alten Klischees und Feindbildern über die muslimische Frau zu verabschieden.

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NERMIN ISMAIL, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 09.03.2011